
Freddie Mercury, genialer Sänger von Queen hätte heute seinen 60sten gefeiert. Er starb mit 45 an AIDS. Diverse Zeitungen in Deutschland erinnern an den charismatischen Star. Hier der Kölner Stadt-Anzeiger:
Peter Freestone hat einen großartigen Beruf, und er spricht gerne darüber. „Wenn ich jemandem ein gutes Gefühl geben kann, indem ich über Freddie erzähle, dann tue ich das.“ Von 1979 bis 1991 war Freestone persönlicher Assistent von Freddie Mercury. Seither berichtet er aus dem Leben des Mega-Stars, der ihm so nahe war. Freestone agierte als Erzähler in der Queen-Revival-Show „We Are The Champions“, er hat zwei Bücher über Freddie Mercury geschrieben, organisiert Festivals und Geburtstagspartys weltweit. Köln, Paris, Montreux, Prag, Barcelona - jeden Tag ist Peter Freestone in Sachen Mercury an einem anderen Ort - jetzt in der heißen Phase. Freddie Mercury, der Rock-Galan mit dem Superspreizschritt, wäre heute 60 Jahre alt geworden.
Zum Feiertage reicht seine Plattenfirma die Doppel-DVD „Lover Of Life, Singer Of Songs“, eine Sammlung aller Videos, die Mercury als Solist veröffentlichte, begleitet von der Interview-Doku „The Untold Story“. Ein bisschen Spektakel auf dem Nebenschauplatz, Schwamm drüber. Für die Fans war und ist Freddie einfach Queen - Königin oder Tunte, je nach Lesart, bald Markenzeichen für die Überdosis Pathos, die den Rock der 70er schnell am Schlafittchen hatte.
Freddie Mercury, 1946 in Sansibar als Farrokh Bulsara geboren, war zweifellos ein Fabelwesen, entstanden im Kopf eines ehrgeizigen jungen Sängers und Pianisten, dessen Jugendträume eher in Bollywood als im Bandbus der Beatles spielten. In der Kunstfigur Mercury lebten Unterhaltungsdienstleister und Narziss, Sexidol, guter Junge und Häuptling Gaga, der sich in seinen Fantasien verlor. Freddie konnte jede Rolle wie eine Jacke abstreifen, und er tat das mit Bedacht, sagt Peter Freestone, der mit vier anderen Angestellten in Mercurys Palast lebte. „Wenn seine Familie ihn zu Hause besuchen kam, schickte er uns raus, er wollte die beiden Leben nicht vermischen. Er beschützte seine Familie vor all dem, was er im Namen eines Rockstars tat.“
Welcher Mercury darf's denn für Sie sein? Der krachlederne Proll im pompösen Bühnenspektakel seiner Band Queen, der Erfinder kunstvoller Verschachtelungen von präzise ausgerechneten Rock-Songs, der Urheber der inoffiziellen Sieger-Hymne aller Sportgroßereignisse („We Are The Champions“)? Oder Freddie, der durch die Veröffentlichung seiner Aids-Erkrankung zum Märtyrer wurde. Da blieb ihm noch ein Tag in seinem Leben. Peter Freestone: „Freddie versteckte sein Schwulsein keineswegs. Aber er benutzte es auch nicht, weil er spürte, wie viel Macht er besaß. Als 72 000 Menschen bei der Londoner Live-Aid-Show zu »Radio Gaga« in die Hände klatschten, war er richtig erschrocken.“
Die Band war dem Spektakel überhaupt nicht abgeneigt, sie verkaufte Rockmusik in Form eines Erlebnisparks. Mercurys Vier-Oktaven-Stimme fuhr genussvoll durch die kurvenreichen Kompositionen, doch Queen-Songs klangen seltsamerweise immer unterkühlt. Man konnte ihnen die Mühen der Entste hung anhören: Vier Akademiker versuchen sich an der chemischen Verbindung von Hardrock und Broadway-Theater. „Sie waren ausnahmslos Perfektionisten“, sagt Freestone, „für die Produktion einer Queen-Platte buchte man besser ein Jahr Studiozeit.“ Ihre Platten waren prätentiös, pathetisch, artifizielle Produkte. Die Songs kreisten um sich selbst, oder um die lila Launen ihres Vorsängers und Mikrofonartisten. Mercury selber hat seine Lieder als wunderbare Wegwerfprodukte bezeichnet, habe man sie ein paar Mal gehört, sei man ihrer überdrüssig. Was er damals noch nicht wissen konnte: die Songs hatten Comeback-Potenzial.
„Bohemian Rhapsody“ (neun Wochen Nr. 1 in den britischen Charts) wurde 1991 kurz nach Mercurys Tod noch einmal zu einem Top-Hit. Die Plattenfirma wollte das knapp sechsminütige Stück 1975 zuerst nicht als Single veröffentlichen, lenkte aber ein, als Queen sich weigerten, ihr dreiteiliges Dramolett auf normales Charts-Maß zu kürzen. Popsongs funktionieren schon mit drei Akkorden, in den 5.55 Minuten von „Bohemian Rhapsody“, so die Ergebnisse wissenschaftlicher Erbsenzählerei, tauchen 60 verschiedene Akkorde auf. Dazu eine postdadaistische Choreinlage: „Galileo figaro - magnifico“. Mercury ruft nach seiner Mama, stürzt sich in Todesvisionen. „Was will er uns damit sagen?“, fragt Peter Freestone: „Es gibt keinen tieferen Sinn hinter der »Rhapsody«. Freddie ging es nicht darum, in seinen Songs Geschichten zu erzählen. Aber er konnte mir die halbe Nacht rauben, wenn ihm drei Worte in seinen Lyrics nicht gefielen.“
Wenn die anderen - Brian May, Roger Taylor und Mercury-Ersatz Paul Rodgers - heute Queen-Konzerte geben und Freddie von der Videoleinwand fast ins Publikum zu schweben scheint, fegt der Mythos noch einmal ein paar unsterbliche Melodien durch die Stadien. Doch vom Queen-Rausch bis zur Queen-Parodie ist es nur ein Katzensprung. Was wäre Freddie Mercury heute, lebte er noch? Peter Freestone weiß genau, was sein Freund der Queen-Sänger zum 60. Geburtstag veranstaltet hätte: „Die größte Party der Welt. Dann wäre er davongelaufen, in ein stilles Eckchen, wo ihn niemand hätte beobachten können. Weil Altwerden ihm ein Gräuel war. Er wollte nicht eines Tages aufstehen und feststellen, dass 20 Stunden Party zu viel für ihn sind.“
1994 tauchte Mercury in einem Abschiedsbrief auf, den ein anderer Rockstar geschrieben hatte, bevor er sich eine Kugel in den Kopf jagte. Für alles, was Queen je angerichtet, hätte der Punk-Enkel Kurt Cobain den Pomp-Engel Mercury verachten müssen, er sprach ihm stattdessen Bewunderung aus - dafür, dass er in der Liebe der Fans so aufgehen konnte. Das erst 1995 veröffentlichte Queen-Album mit dem seifigen Titel „Made In Heaven“, das die letzten Aufnahmen Mercurys von 1991 enthält, darf als Liebeserklärung des Schwerkranken an Job und Publikum verstanden werden. Es beginnt an einem schönen Tag, die Sonne scheint, Mercury singt, dass er sich gut fühlt, „und niemand wird mich aufhalten können“. Recht behalten hat Freddie sowieso, er ist gerade wieder weltweit auf dem Vormarsch. Solange Peter Freestone seinen Job macht, ist über Freddie Mercury längst nicht alles gesagt.
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